Wenn irgendwo das Wort „Kapital“ zu hören ist, wird meist sofort an Geld gedacht. Dem philosophisch Interessierten kommt vielleicht noch das oft zitierte, aber kaum von jemandem vollständig gelesene, dreibändige Hauptwerk von Karl Marx in den Sinn. Die Verknüpfung mit dem Thema Geld ist nicht verkehrt, aber sie trifft nicht alle Dimensionen dessen, was Kapital in sozialen Zusammenhängen sein kann. Diese Erkenntnis ist dem 2002 verstorbenen französischen Soziologen Pierre Bourdieu zu verdanken.

Bourdieu unterscheidet vier Arten bzw. Formen von Kapital. Beginnen wir mit der klassischen Dimension, der ökonomischen. Frei nach dem Motto „Geld allein macht nicht glücklich“ zählen in diese Kategorie alle Vermögenswerte, die sich jederzeit in Geld bzw. andere Vermögenswerte umwandeln lassen: Immobilien, Aktien, Schmuck usw.

Unter sozialem Kapital ist das Netzwerk zu verstehen, das Menschen Unterstützung anbieten kann – man kennt sich und man hilft sich. Damit ist jedoch nicht die gute Nachbarschaft gemeint, sondern ein Netzwerk aus Familienmitgliedern, Freunden oder Bekannten, die an entscheidenden Stellen über die Vergabe von Ressourcen, zum Beispiel gut bezahlte Arbeitsplätze mit Aufstiegschancen, entscheiden können. Oftmals haben diese Beziehungen ihren Ursprung an Internaten, Universitäten oder in elitären Vereinigungen.

Unter kulturellem Kapital werden Bildungsabschlüsse, Wissen und Fähigkeiten verstanden. Je höher, umso umfangreicher das kulturelle Kapital, mit dem man wuchern kann. Ein Universitätsabschluss öffnet mehr Türen als ein IHK-zertifizierter Berufsabschluss. Nach Bourdieu gibt es drei Formen kulturellen Kapitals: objektiviertes, institutionalisiertes und inkorporiertes. Objektiviert meint den Besitz zum Beispiel von Kunstwerken oder Büchern. Institutionalisiert meint die Existenz von Bildungszertifikaten, welche die Fähigkeiten anderen gegenüber nachweisen. Inkorporiert meint den Habitus einer Person, also das Auftreten oder den Sprachstil. Der Volksmund spricht gern etwas deftig vom Stallgeruch. Und den hat jemand eben nur, wenn er oder sie dazugehört und die offiziellen sowie inoffiziellen Spielregeln verinnerlicht hat.

Die letzte Form, das symbolische Kapital, ist nichts eigenes wie die drei eben genannten Dimensionen von Kapital. Nichts eigenes meint, dass es nicht in der Hand des Einzelnen liegt, sondern von außen zugeschrieben wird. Adelstitel, empfangene Ehrungen oder künstlerisches Renommee wären hier als Beispiele zu nennen. Anerkennung und Prestige werden von außen angetragen, gerade dann, wenn die drei zuvor genannten Kapitalarten ein hohes Niveau erreicht haben – gebündelt, aber auch einzeln.

Unter Kapital verstehen wir somit ein Zusammenwirken von Ressourcen, mit Hilfe derer sich Vorteile im Kampf um weitere Ressourcen verschafft werden, die nicht allein materieller Natur sein müssen. Eine an der Realität orientierte Betrachtung bestehender sozialer Verhältnisse ist somit nur dann sachgerecht zu leisten, wenn die vier Dimensionen von Kapital Beachtung finden.

Warum ist diese Sicht auf die bestehenden Verhältnisse von Bedeutung? Weil sie aufzeigt, dass unsere Gesellschaft und die sie prägende Wirtschaftsform im Grunde nach den Prinzipien eines Karten- oder Lottospiels funktionieren: Alle können theoretisch gewinnen, aber eben nicht jeder. Damit einer oder eine hoch gewinnen kann, müssen hunderttausende leer ausgehen. Ein Blick auf die Verteilung des Geldvermögens in Deutschland bestätigt diese These amtlich statistisch fundiert.

Solange die große Mehrheit auch in Zukunft denkt, dass sie zu den Gewinnern gehören wird, beteiligt sie sich weiter fleißig an einem Spiel, bei dem sie eigentlich nichts zu gewinnen hat. Wenn ihnen das Glück hold ist, erhalten sie einen Trostpreis, für immer mehr Spielteilnehmer bleiben allerdings nur Nieten. Schlichtweg deshalb, weil sich andere schon vor Spielbeginn die besseren Karten gesichert haben – sozial, ökonomisch, kulturell und symbolisch.

Literaturhinweise:

Pierre Bourdieu: Die feinen Unterschiede. Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft, Suhrkamp 1982

Hanno Sauer: Klasse. Die Entstehung von Oben und Unten, Piper 2025