Seit ich diese Internetseite und den Philosophie-Blog betreibe, werde ich öfters nicht nur danach gefragt, warum ich dies mache, sondern meist ist diese Frage mit einer weiteren verbunden: Was nutzt das? Mit einem dem ehemaligen bayerischen Ministerpräsidenten Franz-Josef Strauß zugeschriebenen Bonmot lautet die passende Antwort: Eine solche Frage ist schon falsch gestellt.
Mir kommt dann immer Ludwig Reiners in den Sinn, ein 1957 in München verstorbener Unternehmer und Schriftsteller. In seinem Buch „Sorgenfibel oder Über die Kunst, durch Einsicht und Übung seiner Sorgen Meister zu werden“ heißt es:
Die Lebensweisheit vieler Menschen „erschöpft sich darin, Lust zu suchen und Unlust zu meiden. In ihren Händen wird alles zum ‚Mittel‘. (…) Nichts wird um seiner selbst willen getan, nichts spendet unmittelbar Befriedigung, alles soll nur etwas anderem dienlich sein. Unaufhörlich opfern sie das Heute dem Morgen. Das Endziel ist ein Phantom von Wohlstand und Ansehen, ein Nebelbild, von dem soviel zerfließt, als jeweils erreicht ist.“
In Philosophie und Psychologie wird gern zwischen zwei Arten von Motivation unterschieden: intrinsisch und extrinsisch. Ersteres meint, dass die Motivation im Inneren der Person liegt. Sie findet ihren Ausdruck in reiner Freude an der Sache, eigenem Interesse oder Neugier. Extrinsische Motivation kommt hingegen von außen, oft genug in Form von Druck oder Zwang. Dann wird nur gehandelt gegen Belohnung oder um negative Konsequenzen zu vermeiden.
Auf der Ebene des Handelns kommen zwei weitere Ausdrücke ins Spiel: autotelisch und exotelisch. Bei autotelischen Handlungen ist die Person aktiv, schlicht und einfach, weil die oftmals scheinbar zwecklose Tätigkeit allein schon beglückend wirkt. Bei exotelischen Handlungen ist die Aktivität nur Mittel zum Zweck, zum Beispiel, um Geld zu verdienen oder auch, wenn einfach nur Zeit totgeschlagen werden soll, weil Langeweile und Stumpfsinn eine ungute Allianz bilden.
Der Psychologe Mihaly Csikszentmihalyi prägte vor über 30 Jahren den Begriff Flow für das Phänomen, wenn ein Mensch völlig in einer Tätigkeit aufgeht, so dass er alles um sich herum zu vergessen scheint. Ein Zustand der Selbstvergessenheit tritt ein. Das eigene Selbst und die Umgebung treten in den Hintergrund, weil man voll und ganz in seiner Sache aufgeht. Der Begriff Flow bezeichnet nun den Zustand, in dem alle Handlungen wie von selbst ablaufen. Man ist in einem Fluss des Gelingens. Die Zeit fließt dahin, so dass Stunden vergehen wie Minuten.
Der eine oder die andere kennt dieses Gefühl, wenn man von der Handlung oder dem Inhalt eines Buches so eingenommen wird, dass man es gar nicht mehr aus der Hand legen will. Oder man beginnt beim Schreiben mit ein paar Zeilen und auf einmal fließt der Text ganz wie von allein aus der Feder oder über die Tastatur in den Computer. Das reparieren eines Gegenstandes zieht die ganze Person in den Bann oder eine Handarbeit will nicht eher weggelegt werden, bis sie vollendet ist.
Wer diesen Zustand selbst schon erlebt hat, weiß, dass sich eine tiefe Ruhe und Zufriedenheit einstellt, wenn man langsam wieder aus dem Flow zurückkehrt in den Alltag. Da dieser Zustand mit eigenen Aktivitäten verbunden ist, kann er nicht drogeninduziert imitiert werden, denn dem liegt keine Aktivität zugrunde, sondern ausschließlich der „Erfolg“ der passiven Annahme von biochemischen Prozessen – Zeitverschwendung in Reinform.
Daher liegt das Geheimnis tief empfundener Zufriedenheit in der Pflege von Tätigkeiten bzw. Aktivitäten, die einem das Gefühl von Flow vermitteln. Nun wird mancher Leser fragen: Wie kann ich eine solche, für mich passende Tätigkeit finden? Ich antworte mit Karl Lagerfeld: „Wer ehrlich ist zu sich selbst, kennt die Frage und die Antwort.“ Es gilt also: Versuch macht klug.
Literaturhinweise:
Mihaly Csikszentmihalyi: Flow. Das Geheimnis des Glücks, Klett Cotta zuletzt 2025
Mihaly Csikszentmihalyi: Das Flow-Erlebnis. Jenseits von Angst und Langeweile: Im Tun aufgehen, Klett Cotta 2019
Ludwig Reiners: Sorgenfibel oder Über die Kunst, durch Einsicht und Übung seiner Sorgen Meister zu werden, C.H. Beck 2014

