„Dem Geistesmenschen ist das sogenannte Nichtstun ja gar nicht möglich. Ihr Nichtstun allerdings war ein tatsächliches Nichtstun, denn es tat sich in ihnen nichts, wenn sie nichts taten.“
(Thomas Bernhard – „Auslöschung. Ein Zerfall“)
Von Loriot gibt es einen genialen Sketch im Zeichentrickformat. Ein Mann sitzt bequem im heimischen Sessel, während die Frau in der Küche aufräumt. Sie fragt ihren Mann, was er denn gerade macht und dieser antwortet: Nichts. Sie fragt ungläubig, ob er wirklich nichts macht und er antwortet: Nein, ich sitze hier. Dann schlägt sie ihm vor, doch spazieren zu gehen und dass sie ihm den Mantel bringen könne. Aber er will einfach nur dasitzen. Lesen will er auch nicht, was sie ihm als nächste Aktivität vorschlägt. Ich möchte einfach nur hier sitzen – dieser Wunsch wird konsequent ignoriert. Szenen einer Ehe.
Das Nichts-Tun hat in unseren Breitengraden keinen guten Ruf. In protestantisch geprägten Landstrichen noch weniger als in katholisch geprägten. Nun muss aber Nichts-Tun im Sinne für Muße-zum-Nachdenken-finden unterschieden werden vom Nichts-Tun im Sinne von Nichts-mit-sich-und-seiner-Zeit-anfangen-können.
Letzteres führt zu Pseudo-Aktivitäten, die nur einen Sinn haben: Zu verdrängen, dass man mit sich nichts sinnstiftendes anzufangen weiß. Es muss verhindert werden, auf sich selbst zurückgeworfen zu sein und zu merken, dass da nicht sonderlich viel ist, auf dass man zurückgeworfen wird. Dies ist vor allem bei Menschen der Fall, die – um eine Formulierung von Max Goldt aufzugreifen – umfassend desinteressiert sind.
Wenn der Bericht von einer Urlaubsreise darin besteht, zu erzählen, dass das Essen gut sowie reichlich und das Wetter schön war, da weiß man, dass die alte Erkenntnis von Reisen bildet, nicht immer zutreffen muss. Ebenso sind in Haus oder Wohnung kontinuierlich notwendige Arbeiten zu leisten. Dies ist aber zu unterscheiden von Aktivitäten, die eher den Charakter einer Beschäftigungstherapie haben.
Nachdenken, Gedanken entwickeln und Gedanken sortieren braucht Zeit, Ruhe und Abstand zum Alltagsgetümmel. Auch im Kopf muss hin und wieder aufgeräumt werden, damit aus Nachdenken nicht fruchtloses, planloses und zielloses Grübeln in Endlosschleife wird. Oder man entwickelt erst gar keine Gedanken – dann muss natürlich auch nichts sortiert werden. Letztgenanntes ist aber im Grunde keine lebbare Alternative.
„Der Nichtstuer als der Geistesmensch ist tatsächlich in den Augen derer, die unter nichts tun, tatsächlich nichts tun verstehen und die als Nichtstuer auch tatsächlich gar nichts tun, weil in ihnen während des Nichtstuens gar nichts vorgeht, die größte Gefahr und also der Gefährlichste. Sie hassen ihn, weil sie ihn naturgemäß nicht verachten können.“
(Thomas Bernhard – „Auslöschung. Ein Zerfall“)
Das Werk von Thomas Bernhard erscheint im Suhrkamp Verlag.

