Laut aktueller Statistiken besitzt ein Mensch in Deutschland durchschnittlich rund 10.000 Dinge – von der Büroklammer über gut gefüllte Kleider- und Schuhschränke bis hin zu Möbeln und Unterhaltungselektronik. Bei Wohnungsauflösungen werden deshalb oft professionelle Helfer engagiert, die dann teilweise ganze Container mit Sachen füllen, die niemand mehr haben will, weil potentielle Interessenten die zu entsorgenden Gegenstände selbst in großer Fülle ihr eigen nennen.
Im Jahr 1926 sah es anders aus: Ein Mensch besaß im Durchschnitt 100 bis 180 Gegenstände. Es hat somit in den letzten Jahrzehnten, insbesondere seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges, einen gigantischen Aufwuchs an Gegenständen gegeben, die jeder sein eigen nennt. Erstaunlicherweise ist diese Entwicklung nicht beschränkt auf Menschen mit großem Vermögen. Diese können sich nur exklusivere Sachen leisten, die nötigenfalls bei Bedarf wieder zu Geld gemacht werden können.
Wenn Besitz und Zufriedenheit Hand in Hand gehen würden, wie es oftmals unterstellt bzw. angenommen wird, dann müsste Deutschland oder Europa von vollkommen zufriedenen und glücklichen Menschen bevölkert sein. Selbst der Wohlmeinendste wird dies mit der stärksten rosaroten Brille vor den Augen aber wahrscheinlich nicht sehen können, wenn er durch den Alltag geht und insbesondere politische Debatten dieser Tag verfolgt.
Religionskritiker zitieren gern den Satz von Karl Marx, dass die Religion das Opium des Volkes sei. Aus zweierlei Gründen trifft dieser Satz nicht mehr zu. Erstens ist seit Jahren insbesondere ein Bedeutungsverlust des christlichen Glaubens zu beobachten. Niemand muss mehr religiös sein, um der Obrigkeit zu gefallen, niemand muss mehr beten, um im Krankheitsfall geholfen zu bekommen. Heutzutage ist der Glauben von seiner staatstragenden Funktion aus früheren Jahrhunderten befreit und kann freiwillig gelebt werden. Und zweitens versuchen viele Menschen heute, ihren Trost in der Droge Konsum zu finden. Der Marxsche Satz müsste also abgewandelt heißen: Der Konsumismus ist das Opium des Volkes.
Das ein Problem mit dem all dem vielen Zeugs, das die Wohnungen und Häuser zustellt, vorhanden ist, zeigt die seit Jahren kontinuierliche Nachfrage auf dem Buchmarkt nach Ratgebern zum entrümpeln und ausmisten. Man sollte die Angelegenheit nicht primär unter ökologischen Gesichtspunkten sehen, sondern mehr unter Gesichtspunkten der mentalen Hygiene und vor allem vor dem Hintergrund der Frage: Was macht ein gutes Leben aus? Zeugs anhäufen scheint es ja auf jeden Fall nicht zu sein. Innere Leere lässt sich eben nicht mit Zeugs kompensieren.
Der Sozialpsychologe Harald Welzer hat einmal den nützlichen Tipp gegeben, dass man sich vor jedem Kauf die Frage stellen sollte, ob man das zu erwerbende Ding wirklich durch seine Türe lassen will. Bei notwendigen Anschaffungen liegt die Antwort klar auf der Hand. Aber ebenso sollte diese auf der Hand liegen, wenn es um das zwanzigste Paar Schuhe oder den fünfzehnten Pullover geht.
Die Band Silbermond veröffentliche im Jahr 2015 ein Lied unter dem Titel „Leichtes Gepäck“. Sich das Leben als eine Reise vorzustellen, die sich mit wenig Gepäck auch leichter bewältigen lässt, ist ein schöner Gedanke. Erinnert sei auch an Sokrates, der nach einem Gang über den Athener Markt erstaunt feststellte: „Wie zahlreich sind doch die Dinge, derer ich nicht bedarf.“
Literaturhinweise:
John Naish: Genug. Wie Sie der Welt des Überflusses entkommen, Bastei Lübbe 2008
Carl Tillessen: Konsum. Warum wir kaufen, was wir nicht brauchen, HarperCollins 2020
Frank Trentmann: Herrschaft der Dinge. Die Geschichte des Konsums vom 15. Jahrhundert bis heute, Deutsche Verlags-Anstalt 2017

