Einzeln sein bedeutet, aus einer Tatsache – jeder ist einzeln – eine Aufgabe zu machen, für das Leben und für das Denken. Dann bemerkt man, wie schwierig es ist zu unterscheiden, ob man selbst oder die Gesellschaft in einem denkt und empfindet.“ (Rüdiger Safranski)

Rüdiger Safranski gehört zu den meistgelesenen Biographen des Landes. Seine Biographien über Philosophen wie Arthur Schopenhauer, Friedrich Nietzsche oder Martin Heidegger verbinden gute Lesbarkeit mit hohem sprachlichen Niveau und inhaltlicher Tiefe. Eine Mischung, die nicht sehr oft auf dem deutschsprachigen Buchmarkt zu finden ist.

Regelmäßig meldet er sich auch mit Büchern zu Wort, die um ein bestimmtes Thema kreisen, wie das Böse, die Wahrheit oder die Zeit. Im Jahr 2021, mitten in der Corona-Pandemie, erschien sein Werk „Einzeln sein“. Ein Buch, das damals in die Zeit passte, aber auch heute immer noch aktuell und lesenswert ist. Im Grunde behandelt das Buch ein zeitloses Thema: Die Kunst, es mit sich selbst aushalten zu können, für sich selbst stehen zu können, sein eigenen Weg zu gehen.

Gemeinschaft und Individualität

Auf sich allein gestellt zu sein, ist für Viele ein Ängstlichkeit auslösendes Gefühl. Anpassung scheint da ein Gebot der Klugheit, schon weil man früh gelernt hat, dass dies mit Gruppenzugehörigkeit belohnt werden kann – zu den Regeln der Gruppe. Andere hingegen nehmen die Herausforderung an, gegenüber der Gemeinschaft einen eigenen Standpunkt zu suchen. Sie wollen ihre Individualität leben.

Das soziale Leben bewegt sich also zwischen zwei Polen: Auf der einen Seite der Wunsch nach Gemeinschaft, auf der anderen Seite der Wunsch, sich als Individuum kultivieren zu können. In diesem Spannungsfeld hat es immer wieder Versuche gegeben, einzeln sein zu wollen und zu können. Von diesen Versuchen handelt Safranskis Buch.

Er beginnt mit einem kurzen Abriss der Renaissance, wo der Sinn für den Einzelnen neu erwachte. Den Schwerpunkt bilden biographische Skizzen u.a. zu Martin Luther, Max Stirner, Ernst Jünger oder Ricarda Huch. Verbunden werden diese biographischen Essays durch Zwischenbetrachtungen. In dem Kapitel „Im Schatten des Zeitalters der Massen“ wird schwerpunktmäßig die Entwicklung vom Beginn der Industrialisierung bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges in den Blick genommen. Es war keine gute Zeit für Individualität.

Selbstverwirklichung

Beginnend in den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts gewann das Streben nach Selbstverwirklichung an Bedeutung. Damit gemeint war damals vor allem politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Befreiung. Heute verbindet sich mit Selbstverwirklichung eher das Denken an Konsumchancen und zur Schau stellen des eigenen Lebens in den sogenannten sozialen Medien.

Safranski weist darauf hin, dass Selbstverwirklichung auch heute noch sinnvoll zu denken ist, allerdings betont er, dass wer von wirklicher Selbstverwirklichung reden will, von Selbstüberwindung nicht schweigen darf. Menschen, die dies versucht haben, werden in diesem Buch vorgestellt. In ihren Erfolgen, aber auch in ihrem Scheitern. Aber manchmal ist der Versuch schon ein Wert an sich.

Einzeln sein bedeutet, dass man zwar immer irgendwo dazugehört, doch auch imstande ist, für sich allein stehen zu können, ohne seine Identität nur in einer Gruppe zu suchen oder seine Probleme nur auf die Gesellschaft abzuwälzen. Es bedeutet auch, Abstand halten und womöglich auf Zustimmung verzichten zu können.“ (Rüdiger Safranski)