Wer sich zum Studium eines Fachs der Geisteswissenschaften entschließt, muss irgendwann einsehen, dass außerhalb des Lehramtes nicht der rote Teppich auf dem Arbeitsmarkt ausgerollt zum Empfang bereitliegt. Nach neuesten Zahlen gilt dies mittlerweile aber auch für Studienfächer, die auf ein klares Berufsziel hin ausgerichtet sind. Eine Ausnahme mag das Medizinstudium bilden, wo die Nachfrage nach Absolventen in den letzten 30 Jahren konstant hoch ist.
Das Studium der Geisteswissenschaften kann ermüdend sein, dementsprechend hoch sind die Abbrecherquoten. Dies mag auch an der Qualität der universitären Lehre hierzulande liegen. Unbefristete Arbeitsverträge im öffentlichen Dienst oder gar Verbeamtung von Lehrpersonal lassen wesentliche Eigenschaften wie Kreativität und Mut zu neuen Denkspielen mit der Zeit erlahmen. Das eigentlich lebendige Wissen der Geisteswissenschaften wirkt dann genauso verbeamtet wie die Inhaber der Lehrstühle es auf Lebenszeit sind.
An Universitäten in USA und England ist die Lage anders, insbesondere an den Universitäten der Spitzenklasse. Eine dieser Universitäten ist die Stanford University, an der von 1989 bis 2018 der aus Deutschland stammende Romanist Hans Ulrich Gumbrecht lehrte. Gumbrecht hat dieses Jahr auf knapp 500 Seiten verdichtet seine gut zu lesende Autobiographie vorgelegt, wo er gleich zu Beginn mit einer Mischung aus Ehrlichkeit und Koketterie feststellt:
„Denn nicht allein Leseleidenschaft und Lesegeduld gehen mir ab. Auch ein Schreibtalent zählt nicht zu meinen Stärken. (…) Schließlich sollte ich zugeben, dass mir auch am Unterrichten nie wirklich viel lag. (…) Ich habe mich auf die Geisteswissenschaften eingelassen, weil dort ein Lebensunterhalt mit Beschäftigungen zu verdienen ist, deren Inhalte mich unterhalten, obwohl sie kaum einem gesellschaftlichen Bedarf entsprechen.“
Damit ist der Ton des Buches gesetzt, das stilistisch erfreulich unprofessoral daherkommt, wenn auch nicht frei von Eitelkeit. Aber bei der intellektuellen Lebensleistung von Gumbrecht ist dies verzeihlich. Falsche Bescheidenheit ist ja vor allem eines: falsch.
Dem Buch zugrunde liegt die Position der Halbdistanz. Was meint dies? Gemeint ist vor allem eine intellektuelle Haltung, nirgendwo völlig dazuzugehören und damit seine Neugier und sein Interesse an neuen Ideen immer weiter wach zu halten. Gumbrechts Blick auf das eigene Leben, die akademische Karriere und die Geisteswissenschaften spart sich Eifer und Rechthaberei und setzt stattdessen auf Skepsis und Selbstironie:
„Wir alle kennen die Schwierigkeit, zwischen der Realität vergangener Situationen oder Ereignisse und den Sedimenten von Geschichten zu unterscheiden (…) Ich bin also ein unzuverlässiger Erzähler, nicht allein wegen meines fragilen Selbstbildes und des von ihm angestachelten Ehrgeizes, sondern auch aufgrund einer Redseligkeit, die jenes Gedächtnisproblem gern übersieht.“
Gumbrecht orientiert sich bei seinem biographischen Rückblick an den Orten seines Lebens und Wirkens, beginnend in Würzburg über Bochum und Dubrovnik bis nach Stanford und Jerusalem. Der Leser kann teilhaben an teils banalen, teils inspirierenden Begegnungen Gumbrechts mit intellektuellen Größen des 20. Jahrhunderts wie Michel Foucault, Richard Rorty oder Niklas Luhmann. Interessant sind zudem seine Ausführungen über das akademische Leben und Arbeiten an einer sogenannten Eliteuniversität in den USA.
Hans Ulrich Gumbrecht sagte in einem Interview, dass er eigentlich nicht vorhatte, eine Autobiographie zu schreiben, nur dem Drängen des Suhrkamp Verlages habe er nachgegeben. Nach der Lektüre kann man festhalten, dass die Verantwortlichen des Suhrkamp Verlages recht gehandelt haben.
Hans Ulrich Gumbrecht: Sepp. Mein Leben auf Halbdistanz, Suhrkamp Verlag 2026

