Wir leben im Zeitalter der Selbstoptimierung. Aber welche Art von Optimierung des Selbst ist dies eigentlich, wenn Haut gestrafft, der Körper im Gym trainiert oder via Mindhacks das Gehirn optimiert wird? Wenn alle Körperregungen mittels moderner Technik vermessen werden, auch um den Vergleich mit anderen Körpervermessern zu suchen. Man wird das Gefühl nicht los, dass hier eine betriebswirtschaftliche Form der Optimierung den Zeitgeist bestimmt: Der Einzelne optimiert sich, um im Kampf um knapper werdende materielle Ressourcen und Aufmerksamkeit die Nase vorn zu haben und nicht zu den scheinbar Abgehängten zu gehören – eine im Grunde traurige Angelegenheit.

Kann man sich vor diesem Hintergrund auch Arbeit an sich selbst vorstellen, die vordringlich dazu dient, in dem besser werden zu wollen, was einem persönlich liegt und als Mensch ausmacht, ohne den Zwang kommerzieller Verwertung? Gibt es eine Form von Verbesserung, welche die Ressourcen des Planeten schont und angesichts des viel zu vielen nicht noch mehr unnützen Krempel produziert? Die Antwort lautet „Ja“ und stammt aus der Feder von Peter Sloterdijk.

Sloterdijk gehört zu den produktivsten zeitgenössischen Philosophen, gleichzeitig zu den wenigen, deren Gedanken originell und anregend sind. Sloterdijk zu lesen, heißt, sich auf ein Denkabenteuer einzulassen. Seine Texte zeichnen sich durch einen eigenen Stil aus, der Literatur und Philosophie verbindet. Ergebnis sind nicht immer schnell zu lesende Texte, aber wenn man sich auf sie einlässt und in Geduld übt, ist die Lektüre immer ein Gewinn an Erkenntnis.

In dem im Jahr 2009 erschienenen Buch wird eine Philosophie des übenden Lebens entworfen:

Der Schritt ins übende Leben erfolgt durch die ethische Unterscheidung. Die vollzieht, wer es wagt oder wem es zufällt, aus dem Lebensstrom zu steigen und das Ufer als Aufenthaltsort zu wählen. Der Herausgestiegene pflegt eine kampfbereite Aufmerksamkeit für das eigene Innere und bewahrt einen feindseligen Argwohn gegen das neue Außen, das bis dahin die tragende Welt schlechthin bedeutet hatte. Alle Steigerungen geistiger und leiblicher Art beginnen mit einer Sezession von der Gewöhnlichkeit.“

Im Mittelpunkt der Überlegungen steht der Mensch als Übender, als ein sich durch Übungen selbst erzeugendes und dabei über sich hinausgehendes Wesen. Der Titel des Buches ist dem Gedicht „Archaïscher Torso Apollos“ von Rainer Maria Rilke entnommen. Peter Sloterdijk entwirft in seinem Buch eine neue Anthropologie und plädiert für die Ausweitung der Übungszone des Einzelnen wie der Gesellschaft. Den Kern seiner Thesen bildet die Einsicht in die Selbstbildung alles Humanen. Die entfalteten Aktivitäten des Einzelnen wie von Kollektiven wirken unablässig auf ihn und sie zurück.

Durch Disziplin und ständige Wiederholung übt sich der Mensch voran. Ohne Disziplin und ständige Wiederholung kann man sich die eigene Sprache nicht erschließen, es in keinem Handwerk oder Studienfach zu einer Könnerschaft bringen und im Sport oder der Musik nicht auf ein höheres Leistungsniveau vorankommen. Die Welt der Religionen betrachtet Sloterdijk ebenfalls unter diesem Blickwinkel. Religiöse Exerzitien sind somit als Übungen für ein spirituell erfülltes Leben zu sehen.

Nach mehrhundertjährigen Experimenten mit neuen Lebensformen hat sich die Einsicht abgeklärt, dass Menschen, gleichgültig unter welchen ethnischen, ökonomischen und politischen Bedingungen sie leben, nicht nur in materiellen Verhältnissen, vielmehr auch in symbolischen Immunsystemen und rituellen Hüllen existieren. Von deren Gewebe soll (…) die Rede sein.“

Peter Sloterdijk: Du mußt dein Leben ändern. Über Anthropotechnik, Suhrkamp Verlag 2009