Der Begriff der Identität und damit einhergehend die Identitätspolitik sind heutzutage heiß umkämpftes Terrain. In den teilweise sehr fruchtlosen Diskussionen steht dabei vor allem die Identitätsfindung von Gruppen, Untergruppen und untergruppigen Untergruppen im Vordergrund, aus denen dann der Einzelne seine Identität ziehen kann, die aber wiederum auf die Gruppenidentität bezogen bleibt. Nicht wenige verheddern sich im Überangebot und sind überfordert angesichts der Unübersichtlichkeit stets neu auf den Markt der Ideen geworfener Identitätsangebote.
Vor diesem Hintergrund hebt sich das 2022 erschienene Buch von Eberhard Rathgeb wohltuend hervor. Im Zentrum steht das Denken drei bedeutender Philosophen des 19. Jahrhunderts: Arthur Schopenhauer, Sören Kierkegaard und Friedrich Nietzsche.
Das 19. Jahrhundert war das Zeitalter rasanter Industrialisierung und immer neuer technischer Innovationen. Mit diesen Entwicklungen einher gingen heftige ideologische Auseinandersetzungen, welche die alte gesellschaftliche Ordnung erschütterten. Vor allem aber war es in Europa und Nordamerika das Zeitalter der Kommerzialisierung aller Lebensverhältnisse, eine Entwicklung, die bis heute zu immer neuen Höhen fortläuft:
„Die Bürger standen unter dem Diktat einer neuen Totalität. Aufstieg und Erfolg beherrschten ihre Wünsche und Gedanken. Jedes bürgerliche Leben landete auf dem Umschlagplatz der Waren (…) Das Geld, das aus Werten Waren und aus Individuen Konsumenten machte, zerrieb die Vorstellung von einem inneren Kern, den es zu erhalten galt, von einer eigenen Natur, der gefolgt werden müsste, von einem Selbst, das gelebt werden wollte.“
Das 19. Jahrhundert brachte aber nicht nur auf technischem Gebiet zahlreiche Neuerungen, sondern auch auf dem Gebiet der Philosophie. Das Ich war bis zu diesem Punkt kein Thema der Philosophie gewesen. Die drei Protagonisten des Buches brachen mit dieser Tradition und stellten das Selbstgefühl in den Mittelpunkt ihres philosophischen Denkens.
Schopenhauer, Kierkegaard und Nietzsche brachen zu neuen geistigen Ufern auf, wandten sich gegen den Zeitgeist und stellten das Selbstgefühl in das Zentrum ihrer Werke, frei nach dem Motto: Werde, der du bist. Während Schopenhauer und Nietzsche sich der Herausforderung stellten, in ihrer Philosophie ohne einen bis dahin nicht geleugneten Gott auszukommen, versuchte Kierkegaard durch das tiefe Hineinhorchen in sich selbst die Wirklichkeit göttlichen Wirkens zu erfahren und mitteilbar zu machen. In den Texten dieser drei Denker vereinen sich philosophische Einsichten und individuelle Lebenserfahrungen:
„Die Gedanken der drei Außenseiter trafen sich in einem entscheidenden Punkt, in der Ansicht, dass ein Leben gelebt werden muss, um verstanden werden zu können. (…) Sie versuchten, dem Geheimnis, was es heißt, dieser eine bestimmte Mensch zu sein, auf die Spur zu kommen. (…) Wie Aristokraten verweigerten sie sich der demokratischen Integration.“
Eberhard Rathgeb war vor seiner Zeit als Schriftsteller viele Jahre als Journalist u.a. bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung beruflich tätig. Diese journalistische Erfahrung kommt der Lesbarkeit des Buches zugute. Auf pseudo-intellektuelles Wortgeklingel und mit Fußnoten überfrachtete Buchseiten wird verzichtet, womit der Autor zeigt, dass er in der Tradition seiner drei Protagonisten steht, die alle drei ausgezeichnete Stilisten waren.
Gute Philosophie sollte gleichzeitig auch gute Literatur sein. Diesem Anspruch wurden sowohl Schopenhauer, Kierkegaard und Nietzsche gerecht und Eberhard Rathgeb stellt sich erfreulicherweise in diese Tradition und bereitet dem Leser und der Leserin seines Buches vergnügliche und lehrreiche Lektüre-Stunden.
Eberhard Rathgeb: Die Entdeckung des Selbst. Wie Schopenhauer, Nietzsche und Kierkegaard die Philosophie revolutionierten, Blessing Verlag 2022

