Gerüchte sind ein interessantes Alltagsphänomen. Begierig werden diese scheinbaren Informationen tagtäglich erfunden, aufgenommen und weitergetragen – im Alltagsleben wie in der großen Weltpolitik. Konzentrieren wir uns im vorliegenden Text auf das Alltagsleben. Fast jeder und jede nimmt Gerüchte im Alltag von beiläufig interessiert bis begierig auf, gleichzeitig aber ist es sicherlich für niemandem ein angenehmes Gefühl, Subjekt der Gerüchteküche zu sein, denn meist werden die weitergereichten Erzählungen mit einer gehörigen Portion Bosheit und Gehässigkeit gewürzt – hinter vorgehaltener Hand versteht sich. Gerüchte sind immer gut, wenn sie andere betreffen. Hand in Hand mit dem Gerücht geht der Klatsch. Niemand will im Ruf einer Klatschtante stehen, aber hast Du schon gehört, dass…

Wenn man aus einer gesunden Halbdistanz heraus dieses alltägliche soziale Phänomen betrachtet, dann fällt einem auf, dass der Mensch ein großes Bedürfnis nach stimmigen Geschichten hat, wo ein Stein auf den anderen passen muss. Leider fehlen aber oftmals belastbare Informationen oder fundiertes Wissen, um Leerstellen zu füllen und Ungewissheiten auszuräumen. Hier nun setzt ein Mechanismus ein wie man ihn auch aus gelegentlichen Presseveröffentlichungen kennt: Eine Erzählung wird verbreitet, die einen realen Hintergrund hat, aber den Mangel an belastbarer Information oder fundiertem Wissen mit Phantasie zu füllen weiß. Frei nach dem Motto: Es ist nicht alles falsch, aber auch nicht alles richtig. Dem Spekulieren wird Tür und Tor geöffnet.

Schopenhauer sagte einmal, dass das Leben des Menschen zwischen zwei Polen schwingt: der Not und der Langeweile. In hiesigen Breitengraden herrscht keine Überlebensnot mehr, daher schwingt das Pendel in Richtung Langeweile. Gerüchte sind somit ein probates Mittel gegen den oftmals eintönigen und abwechslungsarmen Alltag, denn sie versprechen Spannung. Das klingt ja interessant…

Zum Verbreiten von Gerüchten gehört ein Gefühl der Macht. Ich weiß etwas, was du noch nicht weißt. Wenn du wüsstest,… Das scheinbar exklusive Wissen verspricht Aufmerksamkeit und Interesse an der Person des Gerüchteverbreiters. Ihm wächst Bedeutsamkeit zu, er ist ein „Wissender“, der andere an seinem „Wissen“ teilhaben lassen kann, aber nicht muss. Es handelt sich somit um ein Machtgefälle, denn (scheinbares) Wissen ist Macht und niemand will machtlos sein.

Gerüchte und Klatsch können harmlos sein, aber leider ist dies nicht immer der Fall. Wenn böse Absicht und krude Phantasie Hand in Hand gehen mit dem Verbreiten von Gerüchten, können schnell negative Folgen für das Opfer von Gerüchten entstehen. Begünstigt wird dieser Umstand durch die Leichtgläubigkeit und den allseits zu beobachtenden Mangel an Kenntnissen, wie man Informationen nicht einfach ungeprüft übernimmt. Die Kindern nachgesagte Leichtgläubigkeit verliert sich bei zahlreichen Erwachsenen nie.

Da jeder und jede selbst jederzeit zum Ziel von Gerüchten werden kann, liegt es somit im wohlverstandenen Eigeninteresse, nicht immer gleich alles zu glauben, was einem so erzählt wird. Dies heißt nicht, dass man alles immer anzuzweifeln hat. Oftmals hilft schon die einfache Frage: Warum erzählt er oder sie mir dies? Welcher Zweck wird hier verfolgt? Erkenntnis beginnt immer mit einer richtig gestellten Frage.

Literaturhinweise:

Jean-Noel Kapferer: Gerüchte. Das älteste Massenmedium der Welt, Kiepenheuer 1996

Christian Schuldt: Klatsch. Vom Geschwätz im Dorf zum Gezwitscher im Netz, Insel 2009