Jeder Mensch bekommt gern Komplimente. Selbst diejenigen, welche sich nach außen hin scheinbar sträuben und damit Bescheidenheit anzeigen wollen. Oftmals ist aber jene Spielart der Bescheidenheit im Grunde nichts weiter als subtil ummantelte Eitelkeit.
Komplimente stärken das Gefühl der Zugehörigkeit. Nur durch die Reaktion der Anderen können wir uns selbst erfahren. Wir lernen recht früh, dass Verhaltensweisen, die zu sozialer Anerkennung führen, zielführender sind als Verhaltensweisen, die soziale Ausgrenzung zur Folge haben können. Für erstere stehen Kompliment und Lob, für zweitere Missachtung und Kritik.
Somit scheint die Sache auf den ersten Blick klar. Aber wie so oft in sozialen Zusammenhängen dominieren nicht schwarz und weiß die soziale Bühne, sondern diverse Grautöne. Wenn jemand zum Beispiel sagt „Für deine Verhältnisse war das gar nicht schlecht“, dann steckt in dem Kompliment ein Gift. Das Gift besteht darin, dass der Sprecher eigentlich sagen will: „Von dir ist sonst eigentlich nicht viel zu erwarten.“
Beliebt ist auch das Wörtchen „aber“ in diesen Zusammenhängen: „Die Pflanzen sind gut ausgesucht, aber das nächste Mal solltest du auf mehr Farbenvielfalt achten.“ Oder eine Leistung wird gleich wieder relativiert: „Der erste Platz ist ja stark. Du hattest aber auch Glück, dass Sportler A und Sportler B heute nicht am Start waren.“
Warum ist die Methode des vergifteten Lobes so alltäglich? Offene Kritik oder offener Angriff wird insbesondere in beruflichen Zusammenhängen als aggressiv wahrgenommen. Daher muss dem Ganzen ein Mantel umgehängt werden. Man schwächt den Konkurrenten, ohne Gefahr zu laufen, von den Anderen als offen aggressiv wahrgenommen zu werden. Neid und Missgunst finden so auch ihren Ausdruck, ohne das dies gleich erkennbar wird.
Der Empfänger des vergifteten Komplimentes ist natürlich oftmals nicht so naiv, die eigentliche Stoßrichtung nicht zu erkennen. Setzt er oder sie sich offen zur Wehr, kann es schnell passieren, als überempfindlich oder undankbar zu gelten. Lässt er oder sie die hübsch verpackte Bosheit allerdings unkommentiert stehen, kann dies schnell als Einladung an Andere angesehen werden, ebenfalls vergiftete Pfeile abzuschießen.
Wie am besten zu reagieren ist, dies muss jeder und jede für sich selbst entscheiden. Das beste Gegengift ist ein gesundes Selbstbewusstsein, das sich insbesondere mit zunehmendem Alter einstellen sollte. Man weiß, was man kann und man weiß, man was nicht kann und sollte mit der Zeit auch gelernt haben, wessen Meinung einem wichtig ist und wessen nicht.
Karl Lagerfeld wurde einmal in einem Interview gefragt, ob denn sein extravaganter Kleidungsstil als Kind nicht für Unmut bei den anderen Kindern im Dorf gesorgt habe. Seine Antwort: „Ich war nicht genug befreundet mit ihnen, um mich um ihre Meinung zu kümmern.“ Ein kluger Satz.

