Es tut mir für manchen sprachempfindsamen Leser leid, aber es gibt Themen, da steht das Gebot im Raum, die Sache klar zu benennen und sprachlich eher mit Brechstange als mit Florett zu arbeiten. Die Arschkriecherei ist so ein Thema. Fast alle verachten diesen sozialen Vorgang und sind der Meinung, so etwas selbst niemals zu machen oder gemacht zu haben, aber erstaunlicherweise ist die Arschkriecherei ein sehr alltägliches Phänomen, nicht nur im Arbeitsleben.
Man sieht den Widerspruch klar auf der Hand liegen: Auf der einen Seite in übergroßer Mehrheit die klare Ablehnung sowie moralische Verurteilung dieses Vorgangs, auf der anderen Seite aber ein nahezu alltägliches Erleben in sozialen Zusammenhängen.
Die Überschrift dieses Beitrags ist einem Buch entnommen, das im Jahr 1997 unter eben jenem Titel bei Rowohlt erschienen ist. Es stammt aus der Feder von Alphons Silbermann und ist leider nur noch antiquarisch zu beziehen. Silbermann, im Jahr 2000 verstorben, war promovierter Jurist und beruflich als Professor für Soziologie an der Universität Köln tätig.
Für Arschkriecherei gibt es eine Vielzahl an Synonymen: Liebdienerei, Stiefelleckerei, Speichelleckerei usw. Allein diese Tatsache deutet darauf hin, dass man es mit einem allgemein gebräuchlichen, alltäglichen Phänomen zu tun hat. Für einen exotischen sozialen Vorgang würde diese Vielfalt an Synonymen keinen Sinn ergeben.
Der Vorgang an sich ist relativ leicht zu verstehen. Es braucht eine Konstellation von mindestens zwei Personen, also mindestens einen Kriecher und einen zu Bekriechenden. Der zu Bekriechende befindet sich in einer Machtkonstellation oben und hat Entscheidungsspielräume, der Kriecher, welcher sich in der Machtkonstellation unterhalb befindet, hat diese nicht. Letzterer kann nicht offen über seine wahren Motive sprechen, die fast ausschließlich darin liegen, für sich selbst einen Vorteil nicht selten auf Kosten Gleichgestellter herauszuschlagen.
Der Vorteil will erreicht werden, in dem der zu Bekriechende gewogen gemacht werden soll. Die Kunst besteht nun darin, die anderen auf gleicher Ebene der Machtkonstellation, die übervorteilt werden sollen, dies nicht sofort offen merken zu lassen und dem zu Bekriechenden soll dies auch nicht gleich ins Auge springen. Aber selbst wenn der zu Bekriechende etwas merkt, so schmeichelt das Verhalten des Kriechers doch der Eitelkeit und bestätigt gleichzeitig die Machtposition.
Um sein Ziel zu erreichen, bedient sich der Kriecher bekannter sozialer Instrumente. Übersteigerte Höflichkeit kommt ebenso zum Einsatz wie geheucheltes Interesse an den Vorlieben des zu Bekriechenden. Es werden inflationär Komplimente verteilt und es wird sich den Anforderungen des zu Bekriechenden übermäßig angepasst. Es kommt zu Anbiederung bis hin zu Unterwürfigkeitsgesten, um den zu Bekriechenden gewogen zu machen. Die Scherze des zu Bekriechenden sind immer köstlich und seine Erzählungen sowie Lebensansichten immer höchst interessant und lehrreich. Betritt der zu Bekriechende den Raum, so kann er sich sofort voller Aufmerksamkeit gewiss sein.
Es ist dies im Grunde ein Verhalten, das historisch Interessierte als Verhalten von Höflingen und Dienstboten in früheren Jahrhunderten aus Literatur und Geschichtsschreibung kennen. Man kann also sagen: Machtgefälle und Arschkriecherei gehen Hand in Hand über alle Zeitläufe hinweg, sei es in Bildungseinrichtungen, Betrieben oder Behörden sowie unabhängig von Staatsformen, seien es nun Monarchien, Diktaturen oder demokratische Systeme.
Literaturhinweise:
Alphons Silbermann: Von der Kunst der Arschkriecherei, Rowohlt 1997
Susann Hanspach u.a.: Auf der Schleimspur – Über Arschkriecherei, in: Peter Imbusch (Hrsg.): Soziologie der Hinterhältigkeit, Beltz Juventa 2021

