„Ich kaufe, also bin ich“ – so lautet der Titel eines 2002 erschienenen Buches des französischen Philosophen Pascal Bruckner. Der Titel spielt auf das berühmte Zitat des ebenfalls aus Frankreich stammenden Philosophen René Descartes an: Ich denke, also bin ich – cogito ergo sum. Das Denken soll nach Bruckner heute nicht mehr die Identität des modernen Menschen ausmachen, sondern der Vorgang des Kaufens, sei es von Waren oder Dienstleistungen.

Wenn man die Sache näher betrachtet, ist es sinnvoll, zwischen natürlichen, sozial erforderlichen und sozial konstruierten Bedürfnissen zu unterscheiden. Nahrung, Bekleidung und ein Dach mit Strom und Wärmeversorgung über dem Kopf zählen zu den natürlichen, weil notwendigen Bedürfnissen, die befriedigt werden müssen, sollen zum Beispiel nicht gesundheitliche Probleme die Folge sein bei Nicht-Befriedigung.

Zu den sozial erforderlichen Bedürfnissen kann man sicherlich mittlerweile den Zugang zum World Wide Web zählen, denn die stetige Verlagerung zum Beispiel von Behördenkontakten ins Internet setzt voraus, dass entsprechende Zugangsmöglichkeiten kostengünstig für alle zur Verfügung stehen. Oder eine Arbeitswelt, die Mobilität einfordert, benötigt eine entsprechende Infrastruktur, damit die Arbeitenden der Forderung nach Mobilität Folge leisten können.

Im Mittelpunkt dieser Überlegungen sollen die sozial konstruierten Bedürfnisse stehen, also Bedürfnisse, die nicht unter die beiden eben genannten Kategorien fallen. Um die Befriedigung dieser Bedürfnisse dreht sich ein Großteil des Wirtschaftsgeschehens, hier wird das meiste Geld umgesetzt und verdient, Millionen von Menschen leben von den hier erzielten Erträgen. Bekleidung ist zum Beispiel lange schon nicht mehr nur eine Notwendigkeit, sondern soll zunehmend vor allem eine Aussage über die tatsächliche oder vermutete Individualität ihres Trägers machen. Überhaupt steht bei immer mehr Produkten immer weniger der praktische Nutzen im Vordergrund. Man verfolge nur aufmerksam die Werbung, bei der es fast nur noch darum geht, Emotionen anzusprechen oder zu wecken, anstatt aussagekräftige Produktinformationen zu liefern.

Warum ist dies so? Eine Frage, auf die es viele Antworten geben kann, eine soll hier versucht werden. Die These lautet: Bei einem Großteil der gekauften Produkte und Dienstleistungen handelt es sich heute in hiesigen Breitengraden vor allem um kompensatorischen Konsum. Also Konsum, der einen Mangel an Sinn ausgleichen und scheinbare Glücksgefühle auslösen soll, die anderswo nicht mehr erreichbar zu sein scheinen. Das Bedürfnis, seinen tatsächlichen oder vermeintlichen Status anderen gegenüber ausdrücken zu wollen, ist ein Teil davon – früher war dieser Luxus dem Adel oder Industriellen vorbehalten, heutzutage ist es ein Massenphänomen.

Kaufen verspricht Glück, auch wenn dies nur von kurzer Dauer ist. Also wird wieder und wieder neues oder anderes gekauft, die Kleiderschränke gefüllt, funktionierende Gerätschaften durch neue ersetzt, noch eine Reise gebucht, noch eine Konzertkarte geordert usw. Erlebnisse hinterlassen kaum mehr Spuren, weil die Jagd nach dem nächsten Erlebnis gar keine Zeit lässt, die gesammelten Eindrücke des Zurückliegenden auf sich wirken zu lassen. Eine gewisse innere Leere bleibt, das Rad muss immer schneller gedreht werden, aber das vermeintliche Glück, der vermeintliche Sinn-Ersatz ist immer nur von kurzer Dauer.

Der Sozialpsychologe Erich Fromm veröffentlichte 1976 ein damals viel gelesenes Buch mit dem Titel „Haben oder Sein“. Vielleicht ist es wieder an der Zeit, sich mit den Ideen Erich Fromms zu beschäftigen. Der Kauf und die Lektüre dieses Buches sind sicherlich eine notwendig zu nennende Investition an Geld und Zeit. Und sicherlich auch eine langfristig gesehen sinnstiftende und beglückende Erfahrung.