Kennen Sie Schloss Herrenchiemsee? Es ist eines der sogenannten Märchenschlösser von König Ludwig II. von Bayern. Der Rundgang durch das Schloss beginnt im südlichen Treppenhaus. Das Auge kann sich gar nicht satt sehen vor lauter optischen Eindrücken. Nicht umsonst trägt dieses Treppenhaus auch den Namen Prunktreppenhaus. Der Rundgang durch den Nachbau von Schloss Versailles endet im Nordtreppenhaus. Dieses Treppenhaus wurde nie nach den ursprünglichen Plänen fertiggestellt. Hier erblickt das Auge nur Ziegel, Glas und den Marmor der Treppenstufen. Alles ist reduziert auf das Wesentliche, nämlich von einem Stockwerk in das nächste zu gelangen.
In Wilhelm Weischedels seit Jahrzehnten andauerndem Bucherfolg „Die philosophische Hintertreppe“ wird dieses Bild der zwei Aufgänge genutzt, um unterschiedliche Arten des Zugangs zur Philosophie aufzuzeigen: den festlichen über die Vordertreppe oder den nüchternen über die Hintertreppe.
„Die Hintertreppe ist nicht der übliche Zugang zu einer Wohnung. (…) Sie ist nüchtern und kahl und manchmal ein wenig vernachlässigt. Aber dafür braucht man sich für den Aufstieg auch nicht besonders vornehm zu kleiden. Man kommt, wie man ist, und man gibt sich, wie man ist.“
Und das Beste: Man erreicht das selbe Ziel wie die Leute, die über die Vordertreppe gekommen sind.
Ähnlich verhält es sich mit dem Zugang zur Philosophie. Man kann den Zugang feierlich zelebrieren zum Beispiel mit dicken akademischen Büchern oder feierlichen Reden mit gesalbten Worten. Oder man nähert sich Philosophen und ihren Gedanken eben so wie man ist, ohne viel Firlefanz. Dann sieht man all das Menschliche, aber man entdeckt auch all die Versuche, über das bloß Menschliche hinauswachsen zu wollen.
Das 1966 erstmals erschiene Buch besteht aus einzeln lesbaren, kurz gehaltenen und verständlich geschriebenen Essays über 34 Philosophen. 34 Aufstiege über die Hintertreppe in das Denkgebäude der einzelnen Philosophen. Im Mittelpunkt steht jeweils immer ein philosophischer Denker mit seinem Leben und seinen zentralen Gedanken. Das Buch beginnt im antiken Griechenland mit dem Philosophen Thales. Über die Jahrhunderte hinweg lernt der Leser u.a. Augustinus, Descartes, Kant, Hegel, Marx oder Nietzsche kennen. Der letzte Beitrag hat Ludwig Wittgenstein zum Thema.
Am Ende erinnert Wilhelm Weischedel daran, nach dem Aufstieg in die Höhen, nicht den Abstieg zu vergessen.
„Soll dieser nicht ein gleichgültiges Hinuntergehen oder gar ein Hinunterfallen sein, dann muss in ihm erhalten bleiben, was im Aufstieg erfahren worden ist. Nur im bewahrenden Abstieg werden die Einsichten, die auf der Etage der Philosophen gewonnen werden, auch für das Erdgeschoss des alltäglichen Lebens, ja vielleicht sogar für den Keller der Wirklichkeit fruchtbar.“

